DIN 6930-2 Allgemeintoleranzen für Stanzteile: Wann gelten sie und wann nicht
Ich veröffentliche keine hausinterne Toleranz für alle Stanzteile. Maß, Werkstoff, Merkmal, Bezug, Zustand und Messmethode gehören zusammen. Wenn ich als Einkäufer eine Zeichnung ohne individuelle Toleranzangaben erhalte, greift in der Regel DIN 6930-2. Doch diese Norm ist kein Automatismus für jedes Blechteil. In diesem Artikel erkläre ich, welche Bereiche die Allgemeintoleranzen tatsächlich abdecken, wo ihre Grenzen liegen und was ich beim Abgleich mit Lieferanten konkret kläre.

Was DIN 6930-2 reguliert – und was außen vor bleibt
DIN 6930-2 legt allgemeine Toleranzen für Form und Lage sowie für Maße von Schmiedestücken, Stanz- und Prägeteilen aus Stahl fest. Die Norm unterscheidet dabei mehrere Genauigkeitsgrade, üblicherweise begegne ich den Klassen m (mittel) und f (fein) in der Praxis. Diese Toleranzen gelten jedoch nur, wenn die Zeichnung explizit auf die Norm verweist oder wenn sie im Liefervertrag vereinbart wurden. Ohne diesen Hinweis sind die Toleranzen nicht selbstverständlich anwendbar.
Wichtig: Die Norm deckt nicht alle Merkmale ab. Funktionsmaße, Passungsmaße und sicherheitsrelevante Geometrien erfordern in der Regel individuelle Toleranzangaben. Wenn ich eine Zeichnung prüfe, achte ich darauf, ob kritische Maße separat ausgewiesen sind oder ob sie der allgemeinen Toleranz unterliegen sollen.
| Genauigkeitsklasse | Anwendungskontext | Typischer Bereich |
|---|---|---|
| m (mittel) | Allgemeine Konstruktionen ohne enge Passung | Freimaße, nicht kritische Abstände |
| f (fein) | Höhere Anforderungen an Passgenauigkeit | Funktionsrelevante Konturen |
| c (grob) | Grobe Vorformen, Nachbearbeitung vorgesehen | Rohlinge, Zuschnitte |
Die Tabelle zeigt die grundsätzliche Einteilung. In der Stanzteil-Beschaffung begegne ich am häufigsten Klasse m. Doch die bloße Nennung der Klasse auf der Zeichnung reicht nicht aus, um Konflikte zu vermeiden.
Die vier Fallstricke der Allgemeintoleranzen beim Einkauf
Fallstrick 1: Werkstoffabhängigkeit übersehen
DIN 6930-2 bezieht sich primär auf Stahl. Wenn ich Aluminium-, Edelstahl- oder Kupfer-Stanzteile beziehe, greift die Norm nicht automatisch. Für Nicht-Stahl-Werkstoffe verweise ich auf werkstoffspezifische Normen oder vereinbare individuelle Toleranzen. Der Fehler, Stahltoleranzen auf Aluminium anzuwenden, führt regelmäßig zu Abweichungsdiskussionen, weil Aluminium andere elastische Eigenschaften und thermische Ausdehnungskoeffizienten aufweist.
Fallstrick 2: Messzustand nicht definiert
Die Norm geht von einem bestimmten Messzustand aus: bei 20 °C, ohne äußere Kräfte, im freien Zustand. Wenn ein Stanzteil nach dem Entgraten, nach einer Wärmebehandlung oder in einem montierten Zustand gemessen wird, können die Messwerte von der Norm abweichen – ohne dass das Teil fehlerhaft ist. Ich kläre mit dem Lieferanten, in welchem Zustand die Abnahmemessung erfolgt.
Fallstrick 3: Blechdicke außerhalb des Normbereichs
DIN 6930-2 gilt für bestimmte Blechdickenbereiche. Bei sehr dünnen Bändern unter 0,5 mm oder bei Dickblechen über 6 mm können die Tabellenwerte zu grob oder zu eng sein. In diesen Fällen vereinbare ich ergänzende Toleranzvorgaben oder verweise auf branchenspezifische Vereinbarungen.
Fallstrick 4: Geometrische Bezüge nicht berücksichtigt
Form- und Lagetoleranzen nach DIN 6930-2 setzen definierte Bezüge voraus. Wenn eine Zeichnung keine Bezugselemente für Parallelität, Rechtwinkligkeit oder Konzentrizität ausweist, ist die Bewertung der Lageabweichung subjektiv. Ich fordere bei komplexen Teilen die Angabe von Bezugsebenen oder Achsen.

Messmethoden: Warum das Ergebnis vom Verfahren abhängt
Ich messe nicht nur das Teil – ich messe das Teil mit einer bestimmten Methode unter bestimmten Bedingungen. Bei Stanzteilen verwende ich je nach Anforderung unterschiedliche Messverfahren:
- Tastschnitte für Schnittflächen: Die Rauheit und der Gratanteil an der Schnittkante lassen sich mit optischen oder taktilen Profilometern erfassen. Diese Werte sind jedoch nicht Gegenstand von DIN 6930-2.
- Koordinatenmessung für Bauteilage: Bei mehreren Löchern oder Konturen prüfe ich die relative Lage. Hier greifen die Form- und Lagetoleranzen der Norm.
- Vergleichslehren für Serienprüfung: Bei größeren Losgrößen setze ich Prüflehren ein. Die Lehre selbst muss kalibriert sein und den Toleranzbereich korrekt abbilden.
Die Wahl der Messmethode beeinflusst das Ergebnis. Ein optisches System erfasst Kanten anders als ein taktiler Taster. Wenn Lieferant und Abnehmer unterschiedliche Methoden verwenden, entstehen scheinbare Abweichungen. Ich vereinbare daher die Messmethode vor der Serienfreigabe.
Praxis-Checkliste für den Einkauf
Bevor ich eine Zeichnung mit dem Hinweis „Allgemeintoleranzen nach DIN 6930-2“ an einen Lieferanten weitergebe, prüfe ich folgende Punkte:
- Werkstoffangabe vollständig? Normnummer, Zustand, Dicke mit Toleranz angegeben?
- Genauigkeitsklasse definiert? m, f oder c steht auf der Zeichnung?
- Funktionsmaße separat toleriert? Kritische Passungen, Dichtflächen, Kontaktbereiche?
- Messzustand beschrieben? Temperatur, freier Zustand, Oberflächenbeschaffenheit?
- Bezugselemente für Form und Lage vorhanden? Bezugsbuchstaben, Bezugsebenen?
- Schnittflächenanforderungen definiert? Grathöhe, Bruchanteil, Rauheit – separat vereinbart?
- Nachbehandlungsfolge berücksichtigt? Welche Toleranz gilt vor/nach Entgraten, Beschichten, Wärmebehandlung?
Wenn einer dieser Punkte offen bleibt, ergänze ich die Anfrage oder bespreche das offene Thema vor dem ersten Angebot.

Toleranzen und Kosten: Der Zusammenhang, den Einkäufer kennen sollten
Engere Toleranzen bedeuten höhere Kosten – das ist bekannt. Doch der Zusammenhang ist nicht linear. Zwischen Klasse m und Klasse f liegt bei vielen Maßen ein Sprung von 30 bis 50 Prozent in der Fertigungskosten. Dieser Sprung entsteht durch:
- Präzisere Werkzeuge mit engem Schneidspalt
- Häufigere Werkzeugüberwachung und Nachschleifen
- Aufwendigere Messung mit CMM oder optischen Systemen statt Lehren
- Höhere Ausschussquoten in der Einfahrphase
Ich bewerte daher, ob die geforderte Toleranz tatsächlich funktionsrelevant ist. Eine enger tolerierte Ausführung, die keinen messbaren Vorteil im späteren Einbau bringt, erhöht die Kosten ohne Nutzen.
Vergleich: Individuelle Toleranz vs. Allgemeintoleranz
| Kriterium | Individuelle Toleranzangabe | Allgemeintoleranz DIN 6930-2 |
|---|---|---|
| Rechtsicherheit | Hoch – Maß ist einzeln definiert | Mittel – Norminterpretation möglich |
| Kostenplanung | Präziser – jeder Wert kalkulierbar | Unschärfe bei Randbereichen |
| Prüfaufwand | Zielgerichtet auf kritische Maße | Alle Maße innerhalb der Klasse prüfen |
| Zeichnungsaufwand | Höher – jedes Maß annotieren | Geringer – ein Hinweis genügt |
| Streitpotenzial | Gering bei eindeutiger Angabe | Höher bei unterschiedlicher Normauslegung |
Die Tabelle zeigt: Für komplexe Teile mit kritischen Funktionsmerkmalen bevorzuge ich individuelle Toleranzangaben. Für einfache Zuschnitte und Abstandshalter reicht die Allgemeintoleranz aus.

FAQ
Gilt DIN 6930-2 automatisch für alle deutschen Zeichnungen?
Nein. Die Norm gilt nur, wenn sie in der Zeichnung oder im Vertrag explizit vereinbart wurde. Ohne Hinweis gibt es keine automatische Allgemeintoleranz.
Kann ich DIN 6930-2 auf Aluminium-Stanzteile anwenden?
Die Norm ist für Stahl konzipiert. Für Aluminium empfehle ich werkstoffspezifische Vereinbarungen oder individuelle Toleranzvorgaben. Die mechanischen Eigenschaften von Aluminium unterscheiden sich deutlich von Stahl.
Was bedeutet der Genauigkeitsgrad „m“ konkret?
Klasse m (mittel) ist der Standardgrad für allgemeine Anwendungen. Die konkreten Toleranzwerte hängen von der Bauteilgröße ab. Für ein Maß von 50 mm liegt die zulässige Abweichung typischerweise bei ±0,5 mm bis ±1,0 mm, je nach Merkmal.
Muss der Lieferant DIN 6930-2 kennen?
Ein Stanzteil-Lieferant sollte mit der Norm vertraut sein, wenn er den deutschen oder europäischen Markt bedient. Doch Kenntnis der Norm ersetzt nicht die klare Vereinbarung in der Zeichnung.
Wie verhält sich DIN 6930-2 zu ISO 2768?
ISO 2768 ist die internationale Pendant-Norm für allgemeine Toleranzen. Die Werte unterscheiden sich teilweise. Wenn ein Projekt international ausgeschrieben wird, prüfe ich, welche Norm im Vertrag maßgeblich ist.
Fazit
DIN 6930-2 ist ein nützliches Werkzeug für standardisierte Toleranzangaben, aber kein Selbstläufer. Ich prüfe vor jeder Anfrage, ob die Norm für den jeweiligen Werkstoff, die Blechdicke und die geforderte Funktion passend ist. Wo Funktionsmaße, Passungen oder sicherheitsrelevante Geometrien im Spiel sind, setze ich auf individuelle Toleranzangaben. Die Investition in eine präzise Zeichnung zahlt sich bei der ersten Abnahme aus – und verhindert teure Nachbearbeitungsdiskussionen.
Wenn Sie eine Zeichnung haben und nicht sicher sind, ob die Toleranzangaben ausreichen: Schicken Sie mir den aktuellen Revisionsstand. Ich prüfe, welche Maße individuell toleriert werden sollten und wo DIN 6930-2 angemessen ist.