Kailai Stanzpresse mit eingesetztem Werkzeug

Optimierungspotenziale in der Serienfertigung: Design for Manufacturing (DFM) bei komplexen Folgeverbund-Bauteilen

Die Wirtschaftlichkeit einer Baugruppe im globalen B2B-Umfeld entscheidet sich lange vor dem ersten Pressenhub. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass bis zu 70 % der späteren Herstellkosten eines Bauteils direkt durch die konstruktive Gestaltung in der Entwicklungsphase festgelegt werden. Werden die fertigungstechnischen Restriktionen moderner Folgeverbundwerkzeuge und Mehrstufenpressen nicht frühzeitig berücksichtigt, führt dies unweigerlich zu extrem teuren Korrekturschleifen, vorzeitigem Werkzeugverschleiß oder unnötig komplexen Produktionsprozessen. Eine methodische Bauteiloptimierung nach den Prinzipien des Design for Manufacturing (DFM) ist daher der wirksamste Hebel, um die Teilegeometrie mit maximaler Prozesseffizienz zu synchronisieren.

metal stamping

Geometrische Interdependenzen: Das Spannungsfeld von Loch- und Umformzonen

Ein klassischer Fehler in der Konstruktionspraxis ist die Platzierung von Durchbrüchen, Gewindedurchzügen oder Formlöchern in unmittelbarer Nähe zu Umformzonen. Wird ein Rundloch zu nah an einer Biegekante positioniert, gerät das Material während des Biegevorgangs in die plastische Fließzone. Die auftretenden Zugspannungen verformen das Loch zu einer Ellipse, was nachfolgende Montageprozesse oder Gewindeverbindungen unbrauchbar macht.

Um diesen Effekt prozesssicher zu verhindern, muss das Abstandsmaß a zwischen der Außenkante des Lochs und dem Beginn des Biegeradius präzise berechnet werden. Als branchenübergreifende Richtlinie gilt hierbei die Abhängigkeit von der Materialstärke s:

a ≥ 2s

Liegt das Loch zwingend innerhalb dieser Dehnungszone, darf es im Streifenlayout des Folgeverbundwerkzeugs nicht vor dem Biegen eingebracht werden. In diesem Fall muss die Lochstation nach der Umformung platziert werden. Dies erfordert jedoch aufwendige Schieberwerkzeuge, die die vertikale Pressenbewegung in eine horizontale oder winklige Schneidbewegung übersetzen. Für den Einkäufer bedeutet das: Eine minimale Verschiebung des Lochs spart die Investition in komplexe mechanische Werkzeugschieber und senkt die Werkzeugwartungskosten über den gesamten Lebenszyklus.

Werkzeugeffizienz durch Radien-Standardisierung und Federungskompensation

Die Auslegung von Biegeradien erfordert eine genaue Balance zwischen Werkstoffmechanik und Werkzeugkonstruktion. Zu enge Biegeradien führen an der Außenfaser des Materials zu extremen Zugspannungen, die Mikrorisse oder Werkstofftrennungen verursachen. Um ein rissfreies Umformen zu sichern, muss der minimale Biegeradius stets auf die Blechdicke und die Werkstoffhärte abgestimmt sein.

Ein häufiger Kostentreiber in der Praxis ist die Verwendung unterschiedlicher Biegeradien innerhalb desselben Bauteils. Jede Variation zwingt den Werkzeugkonstrukteur dazu, separate Biegestempel und -matrizen in den aufeinanderfolgenden Stufen des Werkzeugs zu integrieren. Die Standardisierung auf einen einheitlichen Radius hingegen erlaubt es, mehrere Umformungen in einer einzigen Werkzeugstation zusammenzufassen. Dies verkürzt die Gesamtlänge des Folgeverbundwerkzeugs und reduziert die notwendige Pressenkraft.

Zudem muss die elastische Rückfederung des Materials nach dem Öffnen des Werkzeugs einkalkuliert werden. Um einen exakten 90-Grad-Winkel am Bauteil zu erhalten, muss das Werkzeug das Teil kontrolliert überbiegen (z. B. auf 87 Grad). Bei ungenauer Werkzeugauslegung müssen zusätzliche Kalibrierstationen integriert werden, die das Material lokal stauchen, um die Geometrie einzufrieren. Je einfacher und einheitlicher die Radien gewählt werden, desto stabiler lässt sich diese Rückfederung über die gesamte Lebensdauer des Werkzeugs kompensieren.

Verschnittminimierung durch optimiertes Streifenlayout (Nestung)

Der Materialanteil macht bei hohen Stückzahlen oft weit über 50 % der Gesamtfertigungskosten eines Stanz-Biegeteils aus. Daher ist die Auslegung des Streifenlayouts – also die Anordnung der Bauteilabwicklungen auf dem kontinuierlich zugeführten Blechband – von überragender wirtschaftlicher Bedeutung.

Durch geschickte Nestung (Verschachtelung) und die Anpassung von Bauteilkonturen lässt sich der sogenannte Scraprate (Verschnittanteil) massiv senken. Schon kleine Modifikationen an ausladenden Laschen oder rechtwinkligen Vorsprüngen ermöglichen es, die Teile enger aneinanderzurücken oder sogar ineinander zu verschachteln (Zweiband- oder Wendeschachtelung). Ziel ist es, den verbleibenden Stanzabfall (die Gitterbrücke zwischen den Teilen) auf das statisch notwendige Minimum zu reduzieren, das für den sicheren Transport des Streifens durch das Werkzeug erforderlich ist.

Fallbeispiele aus der Praxis (Case Studies)

Fallbeispiel 1: Integration eines Heavy-Duty-Gehäusewinkels (Materialstärke 6,0 mm)

  • Ausgangssituation: Ein Kunde fragte die Fertigung eines strukturellen Verbindungswinkels mit einer Materialstärke von 6,0 mm an. Die ursprüngliche Konstruktion sah drei Befestigungslöcher vor, deren Abstand zur Biegekante lediglich 4,5 mm betrug (a < 1s). Zudem waren zwei unterschiedliche Biegeradien (4,0 mm und 6,0 mm) eingeplant.
  • DFM-Analyse & Optimierung: Aufgrund der geringen Lochabstände wäre es beim Biegen zu extremen Lochverzug gekommen. Um dies im bestehenden Design zu verhindern, hätte ein Werkzeug mit zwei hydraulischen Nachlochschiebern konstruiert werden müssen, was die Werkzeugkosten massiv in die Höhe getrieben hätte. In enger Abstimmung wurde der Lochabstand auf 12,0 mm (2s) angehoben und der Biegeradius einheitlich auf 6,0 mm standardisiert.
  • Ergebnis: Durch die Anpassung der Löcher konnten diese in einer simplen, vertikalen Standard-Stanzstation vor dem Biegen eingebracht werden. Die Standardisierung der Radien sparte eine komplette Umformstufe im Folgeverbundwerkzeug. Die initialen Werkzeugkosten wurden um 22 % gesenkt, und die Taktzeit der Produktion stieg durch den Verzicht auf träge Schiebermechanismen um 15 %.

Fallbeispiel 2: Optimierung einer hochvolumigen Halterung (Materialstärke 3,0 mm)

  • Ausgangssituation: Für eine Halterungskomponente lag eine Konstruktion mit einer ausladenden, rechtwinkligen Befestigungslasche vor. Das ursprüngliche Streifenlayout wies aufgrund dieser Geometrie einen enormen Materialverschnitt auf; der Ausnutzungsgrad des Blechbandes lag bei lediglich 42 %.
  • DFM-Analyse & Optimierung: Die Außenkontur der Lasche wurde geometrisch leicht modifiziert – sie wurde um 5 Grad angeschrägt und die Gesamtlänge minimal reduziert, ohne die Position des Befestigungspunkts zu verändern. Diese Änderung erlaubte eine sogenannte „Gegeneinander-Nestung“ im Werkzeug, bei der die Teile auf dem Streifen um 180 Grad gedreht abwechselnd gestanzt werden.
  • Ergebnis: Der Materialausnutzungsgrad des Blechbandes konnte von 42 % auf 68 % gesteigert werden. Bei einer jährlichen Produktionsmenge von 500.000 Bauteilen führte diese Optimierung zu einer Materialeinsparung von mehreren Tonnen Rohmaterial und einer Reduzierung der Teilekosten um fast ein Viertel.

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