Q235 vs Q345: Wie wählen Einkäufer die Stahlqualität für Stanzteile?
Die Wahl zwischen Q235 und Q345 entscheidet darüber, ob Ihr Stanzteil formstabil wird oder beim ersten Tiefziehriss versagt. Q235 lässt sich besser umformen und eignet sich für komplexe Geometrien. Q345 bietet höhere Festigkeit, verlangt aber größere Radien und konservativere Ziehbedingungen. Für den Einkäufer heißt das: Nicht der Preis pro Kilo, sondern die Lastfälle in der Zeichnung bestimmen die richtige Wahl.

Q235 und Q345 im Vergleich
Q235 und Q345 sind chinesische Strukturstähle, die im internationalen Einkauf häufig auftauchen. Q235 entspricht in etwa S235JR nach EN, Q345 dem S355MC oder ähnlichen Festigkeitsklassen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Streckgrenze: Q235 liegt bei etwa 235 MPa, Q345 bei etwa 345 MPa.
| Merkmal | Q235 | Q345 |
|---|---|---|
| Streckgrenze | ca. 235 MPa | ca. 345 MPa |
| Zugfestigkeit | 375–500 MPa | 470–630 MPa |
| Umformbarkeit | Gut, niedrige Rissneigung | Moderat, größere Radien nötig |
| Eignung für Tiefziehen | Besser geeignet | Kritische Radien prüfen |
| Eignung für Strukturteile | Ausreichend | Bevorzugt bei höherer Last |
| Preisniveau | Niedriger | Höher |
Diese Zahlen sind Orientierungswerte. Konkrete Chargen können je nach Hersteller und Lieferzustand variieren. Der Einkäufer sollte immer die werkstoffspezifische Prüfbescheinigung einfordern.
Wann Q235 die bessere Wahl ist
Q235 ist die sichere Wahl, wenn die Zeichnung komplexe Umformungen vorsieht. Tiefgezogene Schalen, mehrstufige Biegeoperationen oder Teile mit kleinen Radien vertragen sich besser mit der höheren Duktilität von Q235.
Ein typisches Beispiel ist die Serienfertigung von Gehäuseteilen mit mehreren Ziehstufen. Hier kann Q345 bereits beim ersten Zug an der Matrize reißen, während Q235 den Formänderungsgrad problemlos verkraftet. Der Einkäufer spart nicht nur Materialkosten, sondern vermeidet auch Ausschuss und Nacharbeit.
Allerdings darf die niedrigere Festigkeit nicht übersehen werden. Q235 eignet sich nicht für Tragteile, die hohe statische oder dynamische Lasten aufnehmen müssen. Wenn die Zeichnung eine Mindestzugfestigkeit oder eine bestimmte Härte vorsieht, reicht Q235 möglicherweise nicht aus.
Wann Q345 sinnvoll ist
Q345 lohnt sich, wenn die Funktion des Teils eine höhere Festigkeit verlangt. Rahmenteile, Halterungen, Befestigungswinkel und tragende Blechkomponenten profitieren von der höheren Streckgrenze. Der Vorteil liegt in der Möglichkeit, dünnere Bleche bei gleicher Tragfähigkeit zu verwenden.
Doch der Einkäufer muss zwei Aspekte prüfen: Erstens verlangt Q345 größere Biegeradien und Ziehradien als Q235. Zweitens steigt der Rückfederungsgrad, was die Nachhaltigkeit der Werkzeuggeometrie beeinflusst. Wenn die Zeichnung enge Radien oder enge Toleranzen vorsieht, muss der Lieferant bestätigen, dass er diese mit Q345 zuverlässig halten kann.
Ein weiterer Punkt ist die Schweißeignung. Q345 hat einen höheren Kohlenstoffäquivalenten als Q235, was die Schweißbarkeit erschweren kann. Wenn das Stanzteil später verschweißt wird, gehört die Schweißprozessprüfung in den Lieferumfang.
Was die Zeichnung wirklich vorschreibt
Der häufigste Fehler im Einkauf ist die Wahl des Materials nach Gewohnheit statt nach Zeichnung. Die Zeichnung sollte mindestens folgende Angaben enthalten:
- Werkstoffnorm und Qualitätsstufe (z. B. GB/T 700 Q235B)
- Lieferzustand (warmgewalzt, kaltgewalzt, normalisiert)
- Blechdicke mit Toleranzklasse
- Mindestanforderungen an Zugfestigkeit und Streckgrenze
- Umformanforderungen (Ziehtiefe, Biegeradius, Biegewinkel)
Fehlen diese Angaben, ist das Material nicht spezifiziert. Der Einkäufer sollte dann nicht selbst Q235 oder Q345 wählen, sondern beim Konstrukteur nachfragen. Ein Stanzteilhersteller kann zwar eine Empfehlung abgeben, die endgültige Verantwortung für die Werkstoffwahl liegt jedoch beim Auftraggeber.
Prüfliste für den RFQ
Bevor Sie Q235 oder Q345 in die Anfrage schreiben, sollten Sie folgende Punkte klären:
- Lastfall prüfen: Welche Kräfte und Momente wirken auf das Teil?
- Umformgrad abschätzen: Reicht die Duktilität für die geplante Geometrie?
- Radien vergleichen: Passen die Zeichnungsradien zum gewählten Material?
- Nachbehandlung klären: Schweißen, Oberflächenbehandlung, Wärmebehandlung?
- Prüfzeugnis einfordern: Chemische Zusammensetzung und mechanische Werte pro Charge?
Diese fünf Punkte verhindern, dass Sie ein Material bestellen, das technisch passt, aber wirtschaftlich nicht optimal ist – oder umgekehrt.

Kostenfalle: Nicht nur der Kilopreis zählt
Q345 kostet pro Kilogramm mehr als Q235. Doch der Kilopreis ist nur ein Teil der Gesamtkosten. Wenn Q345 beim Stanzen oder Tiefziehen einen höheren Ausschuss verursacht, können die Mehrkosten im Stückpreis den Materialvorteil schnell zunichtemachen.
Umgekehrt kann ein dünneres Q345-Blech bei gleicher Festigkeit Material einsparen. Wenn die Zeichnung eine Wandstärke von 3 mm in Q235 vorsieht, aber eine strukturelle Berechnung zeigt, dass 2,5 mm Q345 ausreichen, lohnt sich der Werkstoffwechsel.
Der Einkäufer sollte deshalb nicht nur den Kilopreis vergleichen, sondern auch den verarbeitungssicheren Stückpreis erfragen. Das heißt: Was kostet das Teil inklusive Ausschuss, Nacharbeit und Werkzeugverschleiß?
FAQ
Kann ich Q235 und Q345 in derselben Baugruppe kombinieren?
Ja, aber Sie müssen die unterschiedlichen Festigkeiten und Verformungseigenschaften berücksichtigen. An Verbindungsstellen können Spannungsspitzen entstehen. Wenn Sie schweißen, prüfen Sie die Schweißzusammensetzung für das jeweilige Materialpaar.
Ist Q345 immer das „bessere“ Material?
Nein. Q345 ist festiger, aber nicht universell besser. Für Teile mit hohem Umformgrad oder kleinen Radien ist Q235 oft die sicherere Wahl. Die richtige Entscheidung hängt von der Zeichnung ab, nicht vom Preis.
Welche Prüfzeugnisse sollte ich für Q235 und Q345 einfordern?
Mindestens ein Werkstoffprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204 mit Angaben zur chemischen Zusammensetzung und den mechanischen Kennwerten. Bei sicherheitsrelevanten Teilen kann ein 3.2-Zeugnis mit fremder Überwachung sinnvoll sein.
Beeinflusst die Walzrichtung die Wahl zwischen Q235 und Q345?
Beide Werkstoffe zeigen anisotropes Verhalten, aber Q345 ist aufgrund der höheren Festigkeit empfindlicher für Risse quer zur Walzrichtung. Wenn Biegeoperationen quer zur Walzrichtung erfolgen, sollte der Lieferant die Machbarkeit bestätigen.
Kann ich Q235 durch Q345 ersetzen, ohne die Zeichnung zu ändern?
Nicht ohne Prüfung. Q345 erfordert in der Regel größere Radien und hat eine höhere Rückfederung. Eine 1:1-Ersetzung ohne Anpassung der Zeichnung oder Werkzeuggeometrie führt oft zu Ausschuss.

Fazit
Q235 und Q345 sind keine generischen Alternativen, sondern Werkstoffe mit unterschiedlichen Einsatzgebieten. Q235 punktet bei Umformbarkeit und Kostenvorteil. Q345 bietet höhere Festigkeit bei gleichem Gewicht. Der Einkäufer trifft die richtige Wahl, indem er die Zeichnungsanforderungen gegen die Werkstoffeigenschaften abgleicht – nicht indem er den Kilopreis vergleicht.
Wenn Sie unsicher sind, welcher Stahl für Ihr Stanzteil geeignet ist, senden Sie uns die Zeichnung. Wir prüfen den Lastfall, den Umformgrad und die geforderten Radien – und empfehlen Ihnen den passenden Werkstoff projektbezogen.
