Stanzteile aus Stahl: Wie Einkäufer zwischen DC01, DC04, SECC und SPTE entscheiden

Stanzteile aus Stahl: Wie Einkäufer zwischen DC01, DC04, SECC und SPTE entscheiden

Kurzantwort: Die Wahl des Stahls für Stanzteile hängt nicht vom „besten“ Werkstoff ab, sondern von der Tiefziehstufe, der Oberflächenanforderung und der Nachbehandlung. DC01 reicht für flache Teile, DC04 für mittlere Tiefziehung, DC06 für komplexe Formen. SECC und SGCC bringen Korrosionsschutz, SPTE ist die Speziallösung für Lebensmittelkontakt und Lötbarkeit.

Der Stahl macht bei Stanzteilen bis zu 60 % der Stückkosten aus — und doch entscheiden viele Einkäufer nach Gewohnheit statt nach Spezifikation. Ein Einkäufer aus der Elektroindustrie bestellte jahrelang DC01 für Gehäuseteile, bis die Rissbildung an den Ziehradien den Ausschuss auf 8 % trieb. Nach Umstellung auf DC04 sank der Ausschuss auf unter 1 %. Das Problem war nicht das Werkzeug. Es war der Werkstoff.

Dieser Artikel zeigt, wie Einkäufer Stähle für Stanzteile systematisch auswählen — ohne tief in die Metallurgie einzusteigen, aber mit genug Detail, um Lieferanten gezielt zu befragen.

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Welche Stahlqualitäten kommen für Stanzteile überhaupt in Frage?

Die Auswahl beginnt mit der Unterscheidung zwischen kaltgewalztem Flachstahl, verzinktem Band und Sonderblech. Für die meisten Stanzteile in der Elektrotechnik, Automobilzulieferung und Haushaltsgeräteindustrie fallen vier Werkstofffamilien an:

WerkstoffNormEigenschaftTypische Anwendung
DC01EN 10130Weich, gute UmformbarkeitFlache Abdeckungen, Halterungen
DC04EN 10130Tiefziehgeeignet, niedrige StreckgrenzeGehäuse, Schalen, mittlere Ziehung
DC06EN 10130Extra-tiefziehgeeignetKomplexe Tiefziehteile, mehrstufige Ziehung
SPCCJIS G 3141Allgemeiner KaltbandstahlBlechteile ohne hohe Ziehanforderung
SPCDJIS G 3141TiefziehgeeignetZiehteile, Abdeckungen
SPCEJIS G 3141Extra-tiefziehgeeignetKomplexe Formen, mehrstufige Ziehung
SECCJIS G 3313Elektrolytisch verzinktKorrosionsgeschützte Teile innen
SGCCJIS G 3302FeuerverzinktAußenteile, höherer Zinkschutz
SPTEJIS G 3303Weichlot- und WeißblechVerpackung, Dosen, elektrische Kontakte

Wichtig: Die Tabelle zeigt keine Rangfolge. DC04 ist nicht „besser“ als DC01 — er ist nur für eine andere Umformaufgabe vorgesehen. Ein Einkäufer, der DC04 für eine flache Lochscheibe bestellt, verschwendet Geld. Ein Einkäufer, der DC01 für ein tiefgezogenes Gehäuse bestellt, riskiert Risse.

Verschiedene Stahlbleche in einem Lagerregal mit Kennzeichnung der Werkstoffqualitäten

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DC01 vs DC04 vs DC06: Die Tiefziehstufe entscheidet

Die europäische Norm EN 10130 definiert kaltgewalzte Flachprodukte für das Kaltumformen nach ihrer Tiefziehfähigkeit. Die Unterscheidung basiert auf mechanischen Kennwerten, die direkt in die Stanz- und Ziehbarkeit eingehen:

KennwertDC01DC04DC06
Streckgrenze Re (MPa)≤ 280≤ 210≤ 180
Zugfestigkeit Rm (MPa)270–410270–350270–330
Bruchdehnung A80 (%)≥ 28≥ 34≥ 38
r-Wert (senkrecht)—≥ 1,3≥ 1,5
n-Wert—≥ 0,18≥ 0,20
Typische AnwendungFlache Teile, SchneidenEin- bis zweistufige ZiehungMehrstufige Tiefziehung

Was bedeuten r-Wert und n-Wert praktisch?

Der r-Wert misst die Widerstandsfähigkeit gegen Dickenabnahme beim Ziehen. Ein hoher r-Wert bedeutet: Das Material lässt sich in die Ebene ausdehnen, ohne an der kritischen Stelle zu reißen. Der n-Wert beschreibt die Verfestigung — wie stark das Material bei Deformation härter wird. Ein höherer n-Wert verteigt die Deformation gleichmäßiger über das Bauteil.

Praxisbeispiel: Ein Automobilzulieferer fertigt Halterungen für Kabelbäume. Mit DC01 traten an den Biegeradien Mikrorisse auf, weil die Streckgrenze zu hoch war. Umstellung auf DC04 eliminierte das Problem — bei einem Materialpreisaufschlag von etwa 8 %.

Für Einkäufer gilt: Die Ziehstufe des Teils bestimmt den Werkstoff, nicht umgekehrt. Ein Lieferant, der DC01 für ein Ziehverhältnis von 1,8 vorschlägt, unterschätzt das Risiko oder rechnet mit Nacharbeit.

Vergleich der Umformbarkeit von DC01, DC04 und DC06 anhand von Tiefziehproben

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SPCC, SPCD, SPCE: Der japanische Standard und seine europäischen Parallelen

Viele asiatische Lieferanten — insbesondere aus China — beziehen kaltgewalzte Coils nach japanischer Norm JIS G 3141. Die Zuordnung zu den europäischen Werkstoffen ist nicht eins zu eins, aber für die Praxis ausreichend:

JISEN 10130Unterschied
SPCCDC01SPCC hat etwas breitere Toleranzen, in der Praxis oft identisch
SPCDDC04SPCD ist tiefziehgeeignet, mechanisch vergleichbar
SPCEDC06SPCE ist extra-tiefziehgeeignet, niedrigere Streckgrenze

Was Einkäufer bei der Umrechnung beachten müssen:

Die JIS-Norm legt keine r- und n-Werte fest. Ein chinesischer Lieferant kann SPCD liefern, das mechanisch zwischen DC01 und DC04 liegt, ohne die Norm zu verletzen. Wer also präzise Tiefziehteile benötigt, sollte nicht nur „SPCD“ fordern, sondern Streckgrenze und Bruchdehnung als Zusatzbedingung definieren.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Oberflächenqualität. JIS definiert Oberflächenfinish A (dunkel, glatt) und B (hell, glatt). EN 10130 verwendet die Bezeichnungen FB (A), FC (B) und FD (spezialglatt). Bei sichtbaren Teilen macht der Unterschied optisch und für die Lackhaftung etwas aus.

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SECC vs SGCC: Wann Elektroverzinkung, wann Feuerverzinkung?

Verzinkte Stähle sind bei Stanzteilen Standard, sobald Korrosionsschutz erforderlich ist. Die beiden gängigen japanischen Bezeichnungen decken unterschiedliche Verfahren ab:

EigenschaftSECC (JIS G 3313)SGCC (JIS G 3302)
VerfahrenElektrolytisch verzinktFeuerverzinkt (Hot-Dip)
Zinkschichtdicke5–20 µm (ein- oder beidseitig)40–275 g/m² (ca. 5–40 µm)
OberflächeGlatt, spiegelnd, feinkristallinLeicht rau, typische Kristallstruktur
PassgenauigkeitHoch, da dünne SchichtGeringer, Schichtdicke schwankt
SchweißbarkeitGut, dünne SchichtAufwandiger, Zinkdampf bei GMAW
LöstbarkeitGutSchlecht, dicke Zinkschicht
Typische AnwendungInnenraumteile, Gehäuse, elektronische BauteileAußenteile, Bauelemente, hohe Korrosionslast

Der Preisunterschied liegt typischerweise bei 15–25 %. SECC ist teurer pro Kilogramm, aber bei dünnen Teilen und hoher Passgenauigkeit oft die wirtschaftlichere Wahl. SGCC bietet mehr Korrosionsschutz, verändert aber die Bauteilgeometrie durch die dicke Zinkschicht.

Das Schnittkantenproblem: Bei verzinkten Blechen ist die Schnittkante ungeschützt. Bei SECC mit 7 µm Zinkschicht ist die freie Kante schnell angegriffen. Bei SGCC mit 20 µm Schichtdicke hält die Kante länger durch. Für Außenanwendungen ist das entscheidend. Für trockene Innenräume spielt es kaum eine Rolle.

Ein Einkäufer bei einem Elektrogerätehersteller berichtete: Wir nutzten SECC für Gehäuse, weil die Passgenauigkeit stimmen musste. Nach Umstellung auf vorgalvanisiertes Band mit organischem Beschichtungssystem konnten wir die Nachlackierung einsparen — bei gleicher Korrosionsbeständigkeit in der Salzsprühnebelprüfung.

Querschnitt von elektrolytisch verzinktem und feuerverzinktem Stahlblech mit Zinkschichtdicken

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SPTE: Die Speziallösung für Verpackung und elektrische Kontakte

Weißblech (SPTE nach JIS G 3303, vergleichbar EN 10202) ist ein Stahlblech mit einer dünnen Zinnauflage. Es ist weichlotgeeignet, lebensmittelecht und bietet eine glänzende Oberfläche. Für Stanzteile spielt SPTE in drei Nischen eine Rolle:

  1. Lebensmittelverpackung: Dosen, Verschlüsse, Behälter, die direkten Kontakt mit Lebensmitteln haben
  2. Elektrische Kontakte und Abschirmungen: Lötbarkeit ist gefordert, Oberfläche muss lotfrei sein
  3. Dekorative Teile: Spiegelnde Oberfläche ohne Nachbehandlung

Die Grenzen: SPTE ist teurer als verzinkter Stahl und hat geringere mechanische Festigkeit. Für strukturelle Bauteile ist es ungeeignet. Die Zinnauflage ist dünn — mechanische Beschädigung führt schnell zur Unterrostung.

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Materialzustand und Oberfläche: Warum O, 1/4H und FB nicht gleichbedeutend sind

Selbst wenn der Werkstoff stimmt, kann der Zustand das Umformverhalten verändern. Kaltgewalzte Bänder werden je nach Nachglühtemperatur und -dauer in verschiedene Härtezustände geliefert:

ZustandBezeichnungHärteVerwendung
OWeichgeglühtSehr weichTiefziehung, komplexe Formen
1/4HViertelhartLeicht verfestigtLeichte Ziehung, Formen
1/2HHalbhartMittel verfestigtBiegen, nicht zu tief ziehen
HHartVerfestigtSchneiden, flache Teile

Bei der Oberfläche gilt: FB (A) ist dunkler und glatter, FC (B) heller und glatter, FD ist spezialpoliert für hochwertige Sichtteile. Für lackierte Teile ist FC oft ausreichend. Für Teile, die unlackiert bleiben, kann FB optisch störend wirken.

Praxistipp für Einkäufer: Werden Stanzteile aus chinesischer Produktion bezogen, sollte der Materialzustand explizit im Zeichnungssatz vermerkt werden. Viele chinesische Lieferanten liefern Standard-SPCC im Zustand 1/2H, wenn nichts anderes vereinbart ist — was bei Tiefziehteilen zu Rissen führen kann.

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Die 5 Materialparameter, die in jeder Anfrage stehen müssen

Wer vergleichbare Angebote von mehreren Lieferanten erhalten will, muss den Werkstoff präzise spezifizieren. Diese fünf Parameter sind das Minimum:

ParameterBeispielWas passiert ohne Angabe
Werkstoffnummer/-bezeichnungDC04 nach EN 10130Lieferant wählt SPCC Standard, das schwankt
Zustand (Härte)O (weichgeglüht)Lieferant liefert 1/2H, Ziehung reißt
OberflächenfinishFC (hell, glatt)Optische Abweichungen, Lackhaftungsprobleme
Dicke + Toleranz1,0 mm ±0,1 mmPassungsprobleme, Nacharbeit nötig
Beschichtung (falls vorhanden)SECC, Zink 20/20 g/m²Korrosionsschutz unzureichend

Ein Lieferant, der diese fünf Punkte nicht nachfragt, arbeitet entweder aus Erfahrung mit Standardannahmen — oder er spekuliert. Für Einkäufer ist das Risiko in beiden Fällen hoch.

Zusatzparameter bei komplexen Teilen:

  • r-Wert und n-Wert (für mehrstufige Tiefziehung)
  • Korngröße (feinkörnig für glatte Oberflächen)
  • Einschlüsse und Oberflächenfehler (nach EN 10131)

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Häufige Fehler bei der Werkstoffauswahl und wie man sie vermeidet

  1. „Höher ist besser“-Denken: DC04 ist nicht generell besser als DC01. Er ist teurer, weichter und für Anwendungen gedacht, die das erfordern. Für eine flache Abdeckplatte ist DC04 Geldverschwendung.
  1. SECC als universellen Korrosionsschutz einsetzen: SECC schützt gut in trockenen Innenräumen. Für Außenteile oder salzhaltige Umgebungen ist SGCC oder eine zusätzliche Pulverbeschichtung nötig.
  1. Die Schnittkante vergessen: Vorgalvanisiertes Material hat an der Schnittkante keinen Zinkschutz. Wer Korrosionsschutz an den Kanten braucht, muss nachträglich verzinken oder ein anderes Verfahren wählen.
  1. JIS-Bezeichnungen ohne mechanische Werte akzeptieren: SPCD kann je nach Hersteller und Charge zwischen DC01 und DC04 liegen. Wer Tiefziehteile benötigt, sollte Streckgrenze und Bruchdehnung fordern.
  1. Materialzustand nicht spezifizieren: Ein chinesischer Lieferant liefert SPCC im Zustand 1/2H, wenn nichts anderes vereinbart ist. Für Tiefziehteile bedeutet das Ausschuss.

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Fazit

Die Werkstoffauswahl für Stanzteile aus Stahl ist keine philosophische Frage. Sie lässt sich an drei Kriterien festmachen: Tiefziehstufe, Korrosionsanforderung und Oberflächenanforderung. DC01/DC04/DC06 decken die Umformbarkeit ab, SECC/SGCC den Korrosionsschutz, SPTE die Spezialfälle. Wer diese Zuordnung versteht, kann Lieferanten gezielt befragen und vermeidet, für überdimensionierte Werkstoffe zu zahlen — oder unterdimensionierte einzusetzen.

Wenn Sie eine Zeichnung haben und nicht sicher sind, welcher Stahl die richtige Wahl ist, senden Sie uns die Zeichnung zur Prüfung. Wir bewerten die Ziehstufe, die Kantenanforderungen und den Korrosionsschutzbedarf — und schlagen den passenden Werkstoff vor.

Senden Sie Ihre Zeichnung zur Bewertung

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FAQ

Ist DC04 immer die sicherere Wahl als DC01?

Nein. DC04 ist weicher und teurer. Für flache Teile ohne Ziehung bietet er keinen Vorteil. Die sicherere Wahl ist der Werkstoff, der zur Umformaufgabe passt.

Kann SECC vollständig SPCC ersetzen?

Nur wenn Korrosionsschutz gefordert ist und die Zinkschichtdicke ausreicht. SECC hat eine dünnere Zinkschicht als SGCC und schützt Schnittkanten nicht. Für trockene Innenräume reicht SECC. Für Außenanwendungen ist er unzureichend.

Was passiert an der Schnittkante von verzinktem Blech?

Die Schnittkante ist ungeschützt. Bei Feuchtigkeit rostet die Kante vor. Abhilfe: nachträgliches Verzinken, organische Beschichtungssysteme oder dickere Feuerverzinkung.

Beeinflusst die Materialwahl die Werkzeugkosten?

Ja. Weichere Werkstoffe (DC04, DC06) verschleißen das Werkzeug langsamer als härtere (DC01 im Zustand H). Bei hohen Stückzahlen amortisiert sich der höhere Materialpreis durch längere Werkzeugstandzeiten.

Ist SPTE für alle Lebensmittelanwendungen geeignet?

SPTE ist für trockene und fetthaltige Lebensmittel geeignet. Für saure Lebensmittel (Tomaten, Zitrusfrüchte) kann die Zinnauflage korrodieren. Hier sind Lacke oder alternative Werkstoffe nötig.